Die Angst und der Grusel (#1)

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0:00 Intro
0:36 Historische Monsterarchitekturen
19:49 Monster der Woche: Das nordkoreanische Einhorn
35:13 Thema der Woche: Kleine Soziologie der Angst
43:15 Norbert Elias über die Angst
55:41 Letzte Worte aus der Gruft

Viele Jahre war es im Mitternachtskabinett still. Nun führen wir den Podcast in neuer Besetzung und neuem Konzept fort, von nun an immer Montags. In der ersten Zusammenkunft geht es um die Angst.

Angst wird in der Soziologie völlig unterbelichtet (Frank Furedi). Einer der wenigen Soziologen, die sich Angst funktional in eine Theorie eingebaut haben, ist Norbert Elias (1897 – 1990). Deshalb ist es für das Thema dieses Blogs angebracht, das Angst-Kapitel “Scham und Peinlichkeit” aus seinem Hauptwerk “Über den Prozess der Zivilisation, Band 2″ hier einmal zusammenzufassen.

Zunahme von Zivilisation, so das Ergebnis von Elias Studie historischen Materials, bedeutet immer auch Zunahme von Rationalität und damit einher geht ein Vorrücken von Scham und Peinlichkeitsschwellen.

Dabei definiert er Scham als eine Form von Angst, die dann auftritt, wenn sich eine Person im Widerspruch mit den Normen jener Gruppe sieht, von der er abhängig ist. Da wir in der ausdifferenzierten Gesellschaft zunehmend von immer mehr Personen abhängig werden, breitet sich auch diese Scham-Angst immer mehr aus. Scham ist also keine Angelegenheit nur des Individuums, sondern steht im Gruppenkontext als Angst vor dem Verlust der Liebe und Achtung der anderen. Wichtiges Merkmal der Scham ist, dass sich der Betroffene selbst als unterlegen akzeptiert. Wo dies nicht der Fall ist, wird er sich auch nicht schämen.

Eine hohe Schamkultur ist zudem Ausdruck von sinkender Angst der Menschen vor konkreten äußerlichen Bedrohungen und damit einer fortgeschrittenen Zivilisation. Denn der Fremdzwang, der zuvor von anderen ausgeübt wurde, wird zum Selbstzwang, dem man sich nun selbst auferlegt, indem man sich schämt und als unterlegen anerkennt.

Scham kann sich sehr unterschiedlich entwickeln und hängt auch von der gesellschaftlichen Hierarchie ab. So war es in der höfischen Gesellschaft des Perückenzeitalters so, dass sich Adel vor seinen Dienern nackt entblößen konnte, ohne dass irgendwer Scham empfand. Oder Entblössung des Mannes vor der sozial “tiefergelegten” Frau war ebenfalls schamfrei. Zog sich aber ein Niederer vor einem Höheren aus oder vor einem Gleichgestellten, kam es  zum Gefühl der Respektlosigkeit. Und als sich die Ständegrenzen auflösten, wurden Entblößung allgemein mit Scham besetzt, da nun jeder mit jedem auf gleicher Höhe stand. Mit dem Voranschreiten der Scham sieht man also auch, wie sich Kontraste zwischn den Schichten verringern.

Scham übernimmt in der Gesellschaft die Funktion, die sonst Verbote hatten. Er ist der gesellschaftliche Kleber, welches an die Stelle des gewaltsamen Umsetzen von Gesetzen tritt.

Von Scham abzugrenzen ist die Peinlichkeit. Während Scham entsteht, wenn ein Mensch gegen seine eigenen Verbote und die der Gesellschaft verstößt, tritt Peinlichkeit auf, wenn jemand anders Tabunormen bricht  und wir uns für ihn dann schämen (Fremdschämen).

Im Laufe der Zivilisation werden Abhängigkeitsketten länger und der Zwang zur Selbstkontrolle wächst. Für frühe Völker ist die Natur noch mit konkreter Furcht verbunden (Tiere, Unwetter, Räuber). Mit zunehmender Urbanisierung erleben sich die Menschen gegenseitig ohne Bedrohung, und dadurch viel differenzierter. Peinlichkeit ist eine Art Gefahrsensor für einen Tabubruch, den jemand begeht. Und zwar solcher Art, dass damit früher eine Gefahr verbunden war.  Nur haben wir den Affekt des Zuschlagens in den des Peinlichkeitsempfinden verfeinert. Z.B. galt es in frühen Phasen der Geschichte als konkrete Gefahr, ein Messer falschherum gereicht zu bekommen.  Wie schnell konnte der andere zustechen. Die angemessene Reaktion wäre eine gewaltsame Handlung, wie z.B. das Entwaffnen. Mit zunehmender Pazifizierung erinnert diese Geste noch an diese Gefahr, man reagiert aber gesitteter darauf, mit Peinlichkeit. Tischmanieren sind sozusagen eine diffizile Eingrenzung von Gefahrenzonen. Jedoch werden die Ängste der Menschen vor den äußeren physischen Gefahren nie ganz verschwinden, sie werden nur geringer – so Elias.

Norbert Elias unterscheidet auch zwischen Angst und Furcht. Furcht ist konkret, z.B. die Furcht vor dem wilden Tier. Angst dagegen ist diffus. Da die Abhängigkeitsketten in unserer zivilisation immer länger werden und wir immer weniger überblicken können, immer weniger Kontrolle haben, wandelt sich die Furcht zunehmend zu Angst. So konnte der Bauer früher konkret den Sturm fürchten, weil der die Ernte vernichtete. In der globalisierten Welt überblickt der Bauer die Komplexität nicht mehr. Ein Sturm irgendwo kann irgendwelche Handelsketten unterbrechen. Eine unbestimmte allgegenwärtige diffuse Angst entsteht.

Kurz: Früher waren wir schamlos, hatten aber Angst vor Gewalt. Gesellschaft wurde durch Gewalt (patroillierenden Stadtwachen, Lynchjustiz) zusammengehalten. Innerhalb der Staaten wurde es friedlicher, Gewalt war weniger nötig, sie wurde von Scham ausgetauscht. Fremdzwang wurde zu Selbstzwang.

Außerdem sprechen wir über das nordkoreanische Einhorn. So sollen nordkoreanische Archäologen ein mittelalterliches Einhornnest gefunden haben. In Verbindung mit anderen fantastischen Phänomenen in diesem Staat, gelangen wir zu der Erkenntnis, dass Nordkorea seine Grenzen dicht hält, um die Welt vor einer paranormalen Invasion zu schützen …

Links zur Sendung:

Introsprecher: Detlev Hürter

Musik:

Halloween Intro
AlexStokke (audiojungle.net)

Halloween Spooky Logo
Brait (audiojungle.net)

Playground Lullaby – Creepy Lullaby Music Box
Robert Austin (https://www.youtube.com/watch?v=tMSNl66etMg)
Creative Commons (https://www.youtube.com/t/creative_commons)

Halloween Night
Jimmy Jenkins (audiojungle.net)

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